Nachname, Vorname: Nachwalger, Leon
weitere Vornamen: Arie
Geburtsdatum: 26. August 1912
Geburtsort: Obertyn, Österreich-Ungarn (heute Ukraine)
Todesdatum: Jänner 2005
Todesort: Wien, Österreich
Leon (Arie) Nachwalger wurde am 26. August 1912 in Obertyn, Galizien, geboren. Er wuchs gemeinsam mit drei Geschwistern in einer jüdischen Familie auf, die Familie unterhielt sich auf Jiddisch. Seine Eltern betrieben mit den Eltern des Vaters eine Landwirtschaft. Den Ersten Weltkrieg überlebte die Familie in Ungarn, wo die Mutter eine koschere Gastwirtschaft betrieb, während der Vater als Soldat eingezogen worden war. Nach dem Ende des Krieges reiste die Mutter mit den Kindern nach Lemberg (heute Lwiw), wo der Vater stationiert war. Leon Nachwalger besuchte über die Jahre sowohl ungarisch- als auch polnischsprachige jüdische Schulen. Von Lemberg kehrte die Familie nach Obertyn zurück, wo der Vater einen Eisenwarenhandel übernahm und betrieb, bis er 1923 verstarb. Anschließend führte die Mutter gemeinsam mit einer Tochter das Geschäft. Leon Nachwalger besuchte nach der siebenjährigen Schule in Obertyn eine Gewerbeschule in Lemberg und wurde Mitglied der zionistischen Jugendorganisation Gordonia. Anschließend übernahm er das Geschäft und führte dieses gemeinsam mit seiner Mutter; während seine Geschwister heirateten und ob der politischen Lage in Europa nach Palästina auswanderten, benötigten Leon Nachwalger und seine Mutter mehr Zeit, um alle Papiere zu sammeln und weitere Vorbereitungen für die Ausreise zu treffen. Als dies erledigt war, brach der Krieg aus und sie konnten das Land nicht mehr verlassen. Während der sowjetischen Besatzung arbeitete Leon Nachwalger zusätzlich zur Arbeit im Geschäft als Schildermaler. Als die deutsche Wehrmacht kam, versteckten sich Leon Nachwalger und seine Mutter zusammen mit anderen Jüdinnen und Juden unter einem Keller; die Lebensbedingungen waren allerdings so hart, dass sie beschlossen, sich in das Ghetto Kolomea (Kolomyja) zu begeben. Dort wurde seine Mutter ermordet, Leon Nachwalger erkrankte an Typhus. Es gelang ihm, aus dem Ghetto zu fliehen; er kehrte nach Obertyn zurück und fand einen Bauern, der ihn versteckte: Er hob im Hühnerstall eine schmale Grube aus, in der er liegen konnte, und erhielt von dem Bauern Essen. Ende 1944 kehrte er zuerst auf der Suche nach Überlebenden nach Kolomea zurück; von dort reiste er nach Czernowitz und dann gemeinsam mit einer Gruppe weiterer Überlebender über Bulgarien, die Türkei, Syrien und den Libanon per Zug nach Palästina. In Ramat Gan traf er auf seine Verwandten, die vor dem Krieg emigriert waren. Bei einem Verwandten ließ er sich zum Baumeister ausbilden, später betrieb er einen Antiquitätenhandel. Aus einem Genesungsaufenthalt in Europa entwickelte sich 1958 ein Umzug nach Wien, wo Leon Nachwalger ein Textilgeschäft in der Bräunerstraße betrieb. Er lebte zuerst im 19., später mit seiner Lebensgefährtin Berta Gluszecka, ebenfalls eine Holocaust-Überlebende, im 8. Bezirk. Seine Verwandten in Israel besuchte er regelmäßig. Nach dem Ende des Kalten Krieges fuhr er 1991 nach Obertyn, das er nicht mehr wiedererkannte; diese Erfahrung hielt er schriftlich fest. Leon Nachwalger verstarb im Jänner 2005 in Wien und wurde in Tel Aviv begraben. Leon Nachwalgers schriftliche Erinnerungen wurden posthum dank Tanja Eckstein vom Czernin Verlag publiziert („Der Hühnerstall oder die Kunst zu Überleben. Erinnerungen“, 2008).